Hygiene fürs Immunsystem – ein zweischneidiges Schwert

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Welche Bedeutung hat denn nun die Hygiene für unser Immunsystem? In den letzten Tagen habe ich immer wieder Leute mit Hautauschlägen am Handrücken getroffen, die sich vor lauter „Waschen Sie sich die Hände“ bereits die Hautbarriere ruiniert haben. Auch hier scheint die Dosis das Gift zu machen.

Was ist denn eigentlich Schmutz? Vogelmist aus Südamerika in Pellets gepresst und in Hochglanzverpackung kostet ein ganz schönes Sümmchen und ist bei Gärtnern sehr begehrt. Vogelmist, der einem in der Fußgängerzone auf die Schulter patscht, ist hingegen Schmutz. Wer liebt nicht den weichen duftenden Waldboden bei einem Spaziergang? Nur zu Hause, wenn man die Schuhe in den Schrank stellen möchte, wird der zu Dreck. Karoffelchips und Kekse werden im Allgemeinen als Snack gehandelt. Wenn sie auf dem Sofa liegen, empfinden wir das kaum mehr als appetitlich. Schmutz ist einfach Materie am falschen Ort.

Gesichtsmaske - Schlammpackung
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Wir bekämpfen Schmutz überall und putzen und waschen nicht nur unsere Umgebung, sondern auch uns selbst. Mit gutem Grund, denn im Schmutz tummeln sich unzählige Mikroorganismen, welche es nicht alle gut mit uns meinen. Etwa Tetanusbakterien oder Schimmelpilze in Lebensmitteln oder Milbenkot im Hausstaub. Lange Zeit hat das niemand gewusst. Schmutz war allgegenwärtig. Im Mittelalter landetet jeglicher Dreck einfach auf der Straße: der Nachttopf, der Schweine- und Hühnermist der umherstreunenden Tiere, Schlachtabfälle, Essensreste, einfach alles. Und auch mit der eigenen Hygiene war es damals nicht weit her.

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Selbst in den Krankenhäusern kümmerte sich kaum jemand um Sauberkeit. Medizinische Geräte wurden vor Gebrauch nicht gereinigt. Wunden wurden nacheinander mit denselben Werkzeugen bearbeitet. Schutzhandschuhe kannte man nicht. Viele Patienten starben nicht an der Krankheit, weshalb derer sie ins Krankenhaus kamen, sondern an den Infektionen, die sie sich dort einfingen. Bekannt wurden diese Zustände unter anderem durch Ignaz Semmelweis, der sich wunderte, dass junge Mütter, die von Medizinstudenten Geburtshilfe erhielten, eher starben, als solche, die von Hebammen betreut wurden. Der Grund war simpel: Zwischen Leichensektion und Geburtshilfe wuschen sie sich nicht einmal die Hände. Mit der Handdesinfektion konnte man dem Übel Abhilfe schaffen.

Einen Schub bekam das Thema Hygiene durch Louis Pasteur, der mit Hilfe einer Bouillon herausfand, das Lebensmittel durch Kleinstlebewesen verderben, man dem allerdings durch kurzzeitiges Erhitzen entgehen kann. Die Geburtsstunde der Pasteurisierung! Er konnte auch beweisen, dass Infektionen durch kleine Erreger ausgelöst werden. Wenig später stürzte sich auch Robert Koch auf die Erforschung von Krankheitserregern und konnte 1882 das Tuberkulosebakterium, die damals häufigste Todesursache unter jungen Erwachsenen, nachweisen, wofür er den Nobelpreis bekam.

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Die heutigen Hygieneregeln gehen auf diese Ereignisse zurück. Die Industrie hat das Thema schlauerweise aufgegriffen und versorgt uns mit Wasch- und Putzmitteln, deren Düfte uns Sauberkeit und Frische signalisieren. Die Werbung verspricht uns Gesundheit, Lebensfreude und ein gutes Gewissen, wenn wir nur alles ordentlich sauber machen. Dadurch ist Hygiene zu einem völlig übertriebenen sozialen Zwang geworden.
Für die Entwicklung unseres Immunsystems ist klinische Reinheit eher schädlich. Findet unser Immunsystem in der Umgebung zu wenig Neues, können die Abwehrkräfte nicht trainiert werden. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass seit den 50er Jahren mit der zunehmenden Sterilisierung der Lebensräume eine deutliche Zunahme von Allergien, Autoimmunerkrankungen und chronisch-entzündlichen Erkrankungen zu verbuchen ist.

Hygiene - Putzfrau mit Wischmop
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Also: Händewaschen macht durchaus Sinn. Mit reichlich Wasser und ganz normaler Seife. Desinfektionsmittel oder antibakterielle Seifen hingegen gehören in den klinischen Einsatz und sollten dem vorbehalten sein.

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Was kann man sonst noch im Haushalt für die Hygiene tun? Besonders wohl fühlen sich Keime im Feuchtwarmen. Sprich in der Küche, wo sie auch gut mit Fressbarem versorgt sind. Achten Sie auf die richtige Kühlschranktemperatur. Wischen Sie das Kühlschrankinnere regelmäßig z.B. mit Essigwasser sauber. Waschen Sie ihre Lebensmittel gründlich, Obst und Gemüse wenn möglich auch lauwarm und mit einem TL Natron oder Soda. Die Chemie, die inzwischen auf unseren Nahrungsmitteln mitgeliefert wird, damit sie haltbar bleiben, lässt sich oft mit klarem kaltem Wasser gar nicht mehr entfernen. Wenn das nicht möglich ist, schälen. Arbeitsflächen, Schneidbrettern, Geschirrtüchern und Spülschwämmen besondere Aufmerksamkeit schenken. Lassen Sie Hackfleisch frisch zubereiten und konsumieren sie es noch am selben Tag. Kaufen Sie keinen Tütensalat. Das sind wahre Bakterienschleudern. Füllen Sie bei ihrer Kaffeemaschine nicht nur das Wasser nach, sondern reinigen Sie sie regelmäßig gründlich. Neben den Keimen, die dabei entfernt werden, hat das auch den Effekt, dass der Kaffee ausnehmend gut schmeckt. Und auch die feuchtwarme Waschmaschine muss von Zeit zu Zeit generalgereinigt werden.

Zum Thema Mundschutz mag ich eigentlich gar nichts mehr sagen. Dass dieser weitaus mehr einen psychologischen als einen physiologischen Effekt hat, dürfte inzwischen bekannt sein. Und dass auch hier eine Industrie dahintersteht, die sich in Krisenzeiten eine goldene Nase verdient, ebenfalls. Spätestens seit Trump den Franzosen die Schutzmasken zu einem horrenden Preis vor der Nase weggekauft hat.

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