Edward Okuńs „The War and Us“ – ein aktueller Auftrag

Edward Okuńs Gemälde „The War and Us“ aus dem Jahr 1923 ist weit mehr als ein konventionelles Doppelporträt. Es ist ein komplexes, allegorisches Selbstzeugnis eines Künstlers, der die Verwüstungen des Krieges aus der Distanz beobachtete und in einer Bildsprache voller Symbole verarbeitete. Okuń, ein polnischer Jugendstil-Maler, begann das Werk 1917 in Italien und vollendete es erst 1923 im bereits wieder unabhängigen Polen. Das Bild ist gleichermaßen ein Dokument der traumatischen Erfahrung des Ersten Weltkriegs wie auch ein stiller Akt der Bewahrung – ein „Schwanengesang“ der untergegangenen Belle Époque.

The war and Us
Edward Okuń: Wir und der Krieg, 1917–1923. Öl auf Leinwand, 88 x 111 cm, Nationalmuseum Warschau

Das Zentrum: Das Paar als isolierte Insel

Im Mittelpunkt des Bildes stehen Okuń selbst und seine Frau, die als elegante, aber schwarz gekleidete Figuren durch eine surreale Landschaft schreiten. Sie sind die einzigen realistisch dargestellten Elemente im Bild. Okuń zeigt sich und seine Frau in einer Art „Zeitkapsel“ – die Kleidung erinnert an die Mode der Belle Époque um 1900, was einen bewussten Kontrast zum gegenwärtigen Chaos schafft und den Anschein einer unversehrten, vergangenen Welt erweckt. Der Künstler hält unter seinem schwarzen Mantel eine weiße Lotosblume, die er schützend umhüllt. Dies ist das zentrale Symbol für ihre Ehe, aber auch für das Schöne, Reine und Traditionelle, das es trotz aller Widrigkeiten zu bewahren gilt. Die Komposition mit ihrer Anordnung realistischer Figuren vor einem ornamentalen, flachen Hintergrund zeigt deutliche Parallelen zum Jugendstil und insbesondere zu Gustav Klimt.

Die Bedrohung: Eine Welt voller Ungeheuer

Das ruhige Paar ist umgeben von einer Vielzahl bizarrer Kreaturen, die die Schrecken der Zeit verkörpern. Unmittelbar hinter Okuńs Schulter lugt eine alte, zahnlose Frau mit wirrem weißen Haar hervor – sie personifiziert die unmittelbaren Begleiter des Krieges: Hunger, Krankheit und Tod. Am unteren Bildrand und im Hintergrund winden sich schlangenartige Drachen mit Schmetterlingsflügeln. Sie sind Symbole der Bedrohung, des Bösen und der zerstörerischen Mächte, die über Europa hereinbrechen. Die Flügel verleihen ihnen eine surreale, albtraumhafte Qualität. Im dekorativen Hintergrund finden sich zudem Motten, die in der bildenden Kunst traditionell als Symbol für Tod und Vergänglichkeit stehen.

Die psychologische Dimension: Ein Abwehrmechanismus in Farbe

Aus psychologischer Sicht ist „The War and Us“ ein Lehrstück über traumatische Dissoziation und den Umgang mit kollektiver Angst. Die „Zeitkapsel“ der Kleidung um 1900 ist kein nostalgischer Zufall, sondern ein psychologischer Regressionsmechanismus. Okuń und seine Frau verweigern sich symbolisch der Gegenwart, sie klammern sich an eine unversehrte Vergangenheit, um das unerträgliche Jetzt auszublenden. Es ist der Versuch, eine intakte innere Welt gegen eine zerstörte äußere zu verteidigen.

Die Lotosblume ist nicht nur Symbol für die Ehe, sondern psychologisch gesehen ein Überlebensanker. Okuń hält sie geschützt unter dem Mantel wie das letzte Kostbare. In der Traumatherapie würde man von einem „sicheren Ort“ oder einem „inneren Rückzugsraum“ sprechen – die Blume repräsentiert alles Schöne, Humane und Kreative, das es trotz allem zu bewahren gilt.

Die Monsterschar ist eine Externalisierung der Angst. Okuń zeigt keine realistischen Kriegsszenen – keine Soldaten, keine Schützengräber. Stattdessen übersetzt er das Unfassbare (den industrialisierten Massenkrieg) in archaische, mythische Kreaturen. Dadurch macht er das Grauen fassbar. Die Monster sind die projizierten inneren Dämonen einer ganzen Generation.

Die emotionslosen Gesichter des Paares wirken starr, fast entrückt. Dies ist kein Ausdruck von Gefühlskälte, sondern eine typische Schockstarre (Dissoziation) . Okuń zeigt keine Trauer, keine Wut – das Gesicht ist eine Maske. Psychologisch gesehen ist dies der Zustand nach einem großen Trauma: Man funktioniert, geht weiter, aber die Emotionen sind eingefroren.

Der zeitaktuelle Bezug (1923): Das Trauma des Ersten Weltkriegs

Um die gesellschaftskritische Schärfe zu verstehen, muss man die Entstehungszeit genau betrachten. 1923 war Europa (und besonders das wiederentstandene Polen) noch tief in der Kriegsnachwirkung. Millionen Tote, verwüstete Landschaften, zerbrochene Familien. Okuń malt kein Heldenepos, sondern die stille, allgegenwärtige Zermürbung einer Gesellschaft, die ihren Glauben an den Fortschritt und die Vernunft verloren hatte.

Die Protagonisten schreiten nicht kämpferisch, sondern einfach weiter. Sie haben keine Waffen, sie stellen sich den Monstern nicht entgegen. Das ist die gesellschaftskritische Kernaussage: Der Einzelne ist den entfesselten Mächten – Nationalismus, Militarismus, Technologie des Krieges – völlig ausgeliefert. Es gibt keinen heldenhaften Widerstand, nur das sterile Durchschreiten einer apokalyptischen Landschaft.

Für Polen war 1923 besonders bitter. Gerade erst nach 123 Jahren wieder unabhängig, war das Land sofort in Grenzkonflikte mit der Sowjetunion verwickelt. Okuń zeigt nicht den Stolz der neuen Nation, sondern die bleierne Müdigkeit – ein stiller, aber scharfer Kommentar zur prekären Lage seines Landes.

Die Gesellschaftskritik: Ein stiller Aufschrei gegen die Moderne

Okuń nutzt die Bildsprache des Jugendstils, um eine tiefe Kulturkritik zu formulieren. Die Drachen am unteren Bildrand haben Schmetterlingsflügel – eine pervertierte Natur, ein unnatürliches Hybrid. Dies ist ein Kommentar zur Technik: Die Flugzeuge und Giftgaswaffen des Ersten Weltkriegs waren die neuen „Drachen“, die aus dem Fortschritt geboren wurden. Okuń zeigt: Die Moderne hat sich selbst entzaubert.

Indem er sich selbst als Bewahrer der Lotosblume (der Kunst) darstellt, setzt er ein Gegenbild zur avantgardistischen Kunst seiner Zeit, die den Krieg oft verherrlichte oder abstrakt verarbeitete. Er kritisiert indirekt die Ohnmacht der Kunst, die dem Grauen nichts entgegenzusetzen hat, außer sich selbst zurückzuziehen.

Der ornamentale, flache Hintergrund – so schön er auch ist – wirkt wie eine Kulisse. Das ist gesellschaftskritisch: Die äußere Ordnung (die Gesellschaft, die Politik, die Kultur) ist nur eine dünne Tapete, hinter der das Chaos lauert. Die grellen Farben wirken fast künstlich, beinahe wie eine Karikatur der heilen Welt.

Was wir heute daraus lernen können

Okuńs Bild ist kein historisches Relikt, sondern ein zeitloses psychologisches Lehrstück. Es zeigt uns die Strategie der ästhetischen Verdrängung: Das Paar geht elegant durch eine Apokalypse, als sei nichts geschehen. Genau diesen Reflex kennen wir heute – wenn wir Berichte über Umweltverschmutzung lesen und dann weitermachen, als ob alles normal wäre, oder wenn wir Kriegsnachrichten konsumieren und gleich darauf zum nächsten Social-Media-Post scrollen.

Das Bild warnt uns: Die Fassade der Normalität ist nicht harmlos. Wer die Monster um sich herum ignoriert, macht sie nicht verschwinden, sondern erlaubt ihnen, weiterzuwachsen. Die Lotosblume – das Schöne, das Bewahrenswerte – wird zur Falle, wenn wir sie so schützend umklammern, dass wir die Realität ausblenden.

Okuńs resigniertes Durchschreiten der Landschaft ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches Signal. Wenn Menschen das Gefühl haben, den großen Mächten ohnmächtig gegenüberzustehen, dann entsteht nicht nur Depression, sondern auch politischer Rückzug. Wir sehen das heute in sinkender Wahlbeteiligung, in der Flucht in private Blasen oder in der Hinwendung zu simplen Heilsversprechen. Das Bild mahnt uns: Ohnmacht ist kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung – auch wenn sie psychologisch nachvollziehbar ist.

Okuńs Gemälde ist selbst ein Akt des Widerstands – nicht durch laute Anklage, sondern durch präzises Zeigen. Genau darin liegt die zeitlose Lektion für uns: Kunst, aber auch kritische Berichterstattung, Kultur und Bildung sind keine „nice-to-have“ Zugaben, sondern Frühwarnsysteme. Sie machen das Unsagbare sichtbar, das Unfassbare fühlbar. Wenn die Gesellschaft keine Räume mehr hat, um ihre inneren Drachen zu malen, zu beschreiben, zu benennen, dann werden diese Drachen unkontrollierbar.

Der Titel ist kein Zufall. Er heißt nicht „The War and Me“ oder „The War and Them“, sondern „The War and Us“. Okuń stellt sich selbst und seine Frau ins Zentrum – nicht als Helden, aber als Zeugen. Das ist die vielleicht wichtigste Lektion für heute: Jeder von uns ist Teil des „Uns“. Wir können die globalen Krisen nicht allein lösen, aber wir können hinschauen statt wegzusehen, benennen statt zu beschönigen und handeln im Kleinen, auch wenn das Große überwältigend wirkt. Die Lotosblume darf nicht zur Trophäe im Museum werden – sie muss gepflanzt werden in die raue Erde unserer Gegenwart.

Abschließend: Okuńs Gemälde ist aus dem Jahr 1923 – und es könnte heute gemalt worden sein. Die Monster haben nur andere Namen: Klimakrise, Pandemie, Kriege, soziale Ungleichheit, Demokratieverlust. Seine Botschaft ist klar:

Die Katastrophe ist nicht das, was auf uns zukommt. Die Katastrophe ist, wenn wir aufhören, sie zu sehen.

Wenn wir das verinnerlichen, dann ist „The War and Us“ nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein aktueller Auftrag – an jeden von uns, heute.

Lesenswertes

Waren sie wirklich „Rebellen“? Zur Münchner Ausstellung „Stille Rebellen. Polnischer Symbolismus um 1900“. https://porta-polonica.de/de/atlas-der-erinnerungsorte/waren-sie-wirklich-rebellen-zur-muenchner-ausstellung-stille-rebellen?page=12

Biernacka, Małgorzata: Monografie über Edward Okuń. https://culture.pl/en/work/the-war-us-edward-okun#1