Sawubona. Ich sehe dich.

Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Raum. Menschen sind da, Sie kennen einige. Ihr Blick sucht Anschluss – ein Lächeln, ein Nicken, nur ein kurzes Aufleuchten in einem fremden Gesicht. Doch nichts geschieht. Die Blicke gleiten über Sie hinweg, als wären Sie aus Glas. Sie sind anwesend und doch nicht da.

Dieses Gefühl, ignoriert zu werden, kann uns bis ins Mark erschüttern. Es ist eine stille Gewalt, die keine blauen Flecken hinterlässt und doch tiefe Narben in die Seele graben kann. Kein Streit. Keine Worte. Nur Schweigen.

Die südafrikanische Sprache isiZulu kennt einen Gruß, der das Gegenteil dieser Erfahrung beschreibt: Sawubona. Wörtlich übersetzt heißt es: „Ich sehe dich.“ In seiner tieferen Bedeutung ist es ein Anerkennen des anderen in seiner ganzen Menschlichkeit. Die Antwort Ngikhona bedeutet: „Ich bin da.“ Aber erst, weil du mich gesehen hast, existiere ich für dich in dieser Begegnung.

Sawubona. Ich sehe dich.

Dieses Prinzip ist kein romantisches Ideal, sondern eine neurologische Notwendigkeit. Die Neurowissenschaftlerin Naomi Eisenberger konnte in einer bahnbrechenden Studie zeigen: Soziale Ausgrenzung aktiviert dieselbe Region im Gehirn, die auch für die Verarbeitung von körperlichem Schmerz zuständig ist. Sozialer Schmerz ist messbar. Er fühlt sich für unser Gehirn an wie ein Schlag.

Der Sozialpsychologe Kipling D. Williams, der an dieser Studie mitwirkte, nennt das Phänomen Ostrazismus. In seinem Werk „Ostracism. The Power of Silence“ beschreibt er, wie das Behandeltwerden wie Luft – das sogenannte Silent Treatment – vier unserer fundamentalsten Grundbedürfnisse gleichzeitig verletzt: Zugehörigkeit, Selbstwert, Kontrolle und das Gefühl, eine bedeutsame Existenz zu sein. Schon wenige Minuten des Ignoriertwerdens genügen, um Menschen an ihrer eigenen Bedeutung zweifeln zu lassen.

Diese Erkenntnis erklärt auch die tiefe Verzweiflung von Menschen, die in ihrer Kindheit von Bezugspersonen mit Schweigen gestraft wurden. Bettelnd um einen Blick, ein Wort, wurden sie wie Luft behandelt. Für viele war diese Form der Bestrafung unerträglicher als jeder offene Streit. Der Streit bestätigt zumindest noch die eigene Existenz – das Schweigen löscht sie aus.

Viktor Frankl, Psychiater und KZ-Überlebender, beschrieb in seinem Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ eine Szene, die diese existenzielle Dimension des Gesehenwerdens verdichtet. Auf dem Weg zur Arbeit in einem Konzentrationslager warf ein Wärter achtlos einen Stein nach ihm – ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Nicht der körperliche Schmerz traf Frankl am tiefsten, schrieb er, sondern die Demütigung, keines Blickes wert zu sein. Das Gefühl, kein Mensch mehr zu sein. Sondern ein Objekt. Natürlich ist ein ignorierender Partner nicht mit einem KZ-Wärter gleichzusetzen. Doch Frankls Erfahrung zeigt im Extrem, was im Alltag leise beginnt.

Frankl prägte einen Satz, der zum Kernkonzept seiner Logotherapie wurde: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion.“ Dieser Raum – oft nur ein Augenblick – ist der Ort unserer Freiheit. Und in ihm liegt auch die Entscheidung, den anderen nicht zu übersehen, sondern wahrzunehmen. Die Entscheidung für ein Sawubona.

Wie aber können wir diesen Raum nutzen? Wie die leise Gewalt des Ignorierens durchbrechen? Vielleicht gerade nicht mit einer langen Liste von Techniken. Vielleicht genügt eine einzige, radikal einfache Geste.

Sieh andere bewusst an.

Mehr nicht.

Am Morgen deinen Partner, deine Frau, dein Kind. Und wenn du sagst, heute sehe ich niemanden, ich bin allein – dann geh hinaus. Möglichst schon am Morgen. Und schau dem ersten Menschen, der dir begegnet, in die Augen: der Joggerin, dem Hundeausführer, der Frau in der Bäckerei, dem Fahrradfahrer. Mit einem Lächeln. Ohne Wenn und Aber.

In diesem einen Blick liegt die Macht, dem anderen für einen Moment zu sagen: Sawubona – ich sehe dich. Und ihm so die Antwort zu ermöglichen: Ngikhona – ich bin da.

In dieser einfachen Geste liegt eine Menschlichkeit, die wir alle brauchen, um nicht zu verstummen.

Literatur:

  • Frankl, Viktor E.: … trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. München: Kösel (oder als Taschenbuch bei dtv)
  • Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D. & Williams, K. D. (2003): Does Rejection Hurt? An fMRI Study of Social Exclusion. In: Science, 302(5643), 290-292.
  • Hirnforschung: Soziale Ausgrenzung ist Körperverletzung. Deutsche Apotheker Zeitung / APOTHEKE ADHOC, 18. Oktober 2003.
  • Williams, K. D. & Nida, S. A. (Hrsg.): Ostracism, Exclusion, and Rejection. New York: Routledge, 2016.