Schön und gut. Abgründe im Klassenzimmer.

Was ist Bildung? Diese scheinbar einfache Frage durchzieht Klaus A. Amanns Erzählung „Schön und gut“ wie ein roter Faden – und findet doch keine einfache Antwort. Die Geschichte eines jungen Englischlehrers, der eine Klasse durch die Oberstufe begleitet, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als vielschichtiges Psychogramm pädagogischer Existenz. Zwischen Unsicherheit und Autorität, zwischen Wahrheitssuche und kreativer Erfindung, zwischen ästhetischem Anspruch und gesellschaftlicher Verantwortung entfaltet sich ein Drama, das weit über den Klassenzimmerraum hinausweist.

Klassenzimmer

Die performative Identität des Lehrers: Zwischen Autorität, Unsicherheit und Maske

Die Erzählung beginnt mit einem Bild, das viele Lehrende nur allzu gut kennen werden: „Frisch von der Uni, Praktikum und dann rein in die Neun D.“ Der junge Pädagoge hetzt, ist erhitzt, kommt außer Atem – und das nicht nur physisch. Die „Unsicherheit“ ist, wie es im Text heißt, „aller Lehre Anfang“. Der Verweis auf den Philosophen David Hume („If we start out with doubts …“) ist dabei mehr als eine gelehrte Fußnote; er ist der Versuch, die eigene Verunsicherung zu intellektualisieren, sie in eine philosophische Tradition einzuordnen und damit zu bewältigen.

Doch der Lehrer greift zu einem ebenso einfachen wie wirkmächtigen Mittel: Er wechselt die Sprache. „Hey guys, listen. I want you to talk English in this class-room, understand?“ Dieser Schritt ist psychologisch hochinteressant. Die Fremdsprache wird nicht nur zum Unterrichtsgegenstand, sondern zum Schutzschild. Sie ermöglicht eine Distanz, die das unsichere Ich des Anfängers hinter der Rolle des souveränen Pädagogen verschwinden lässt. Der Lehrer wird zu einer Figur, die durch Sprache erst geschaffen wird – und die zugleich eine neue Wirklichkeit für die Schüler konstituiert.

Die Frage, die sich hier stellt, ist grundlegend philosophischer Natur: Wer ist der „echte“ Ernst? Der unsichere, keuchende Jungakademiker, der von den älteren Kollegen nachsichtig belächelt wird? Oder der charismatische Englischlehrer, der mit flapsigen Sprüchen („With scharfem F wie Banane!“) und augenzwinkernden Anspielungen die Klasse für sich gewinnt? Die Erzählung legt nahe, dass Identität im beruflichen Kontext stark performativ ist – sie wird durch Sprache, Rollenspiel und Interaktion geformt. Der Lehrer spielt seine Rolle, und indem er sie spielt, wird er sie.

„Schön und gut“ vs. die Wahrheit: Der pädagogische Wert der Fiktion

Der vielleicht provokanteste philosophische Impuls der Erzählung findet sich in der radikalen Anweisung des Lehrers an seine Schüler: „Forget the truth! Gut muss euer Text sein, sprachlich gut, also korrekt, 3rd person – s und die richtigen Zeiten, das ist das Wichtigste. Wenn der Text auch noch schön ist, umso besser! […] Aber die Wahrheit – die interessiert in euren Texten keinen.“

Diese Aussage entfaltet eine geradezu explosive Wirkung – innerhalb der Klasse wie auch für den Leser. Die Schüler reagieren zunächst irritiert, Ulla fragt herausfordernd: „Also sollen wir lügen?“ Der Lehrer rettet sich in eine halbherzige Unterscheidung: „Na ja, lügen natürlich nicht, sondern kreativ sein, erfinden, dazudichten.“

Doch die Frage bleibt stehen: Was ist hier eigentlich passiert? Der Lehrer hat die Kategorie der Wahrheit für den Bereich des schulischen Schreibens suspendiert. Damit stellt er sich in eine philosophische Tradition, die von der Antike bis zur Postmoderne reicht: von Platons Verdacht gegen die Dichtung als Lüge bis zu Nietzsches berühmter Frage „Was ist also Wahrheit?“ – die Antwort des Philosophen lautet bekanntlich: „Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen.“

Die Erzählung zeigt, welch befreiende Wirkung diese Suspendierung der Wahrheitspflicht haben kann. Die Schüler beginnen zu experimentieren, „spielen mit der Sprache“, wie der Lehrer es wünscht. Kreativität entfaltet sich, wo die Last der Authentizität wegfällt. Die Texte werden länger, die Kommentare interessanter, der „schriftliche output“ wird anspruchsvoller.

Doch der Text deutet auch die Gefahr dieser Pädagogik an. Der Lehrer zieht die Unterscheidung zwischen „schön“ und „gut“ – und das gute Sprachliche, das Korrekte, bleibt letztlich die Messlatte. Die ästhetische Kategorie triumphiert über die ethische. Und genau hier, so wird sich zeigen, liegt ein Kernproblem.

Die Macht der Literatur: Empathie, Identifikation und Weltverständnis

Die Erzählung führt den Leser durch ein faszinierendes literarisches Curriculum: von Carson McCullers‘ „Die Ballade vom traurigen Café“ über Muriel Sparks „Die Blütezeit der Miss Jean Brodie“ und J.B. Priestleys „Ein Inspektor kommt“ bis hin zu Kurt Vonneguts „Schlachthof 5“ und schließlich Shakespeares „Macbeth“. Jeder dieser Texte ruft spezifische psychologische Reaktionen bei den Schülern hervor – und jede dieser Reaktionen ist ein kleines Lehrstück über die Wirkmacht von Literatur.

Besonders eindrücklich ist die Reaktion auf „Schlachthof 5“. Vonneguts Roman, der die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 aus der Perspektive des zeitreisenden Billy Pilgrim erzählt, ist ein Text von verstörender Komplexität. Die Schüler reagieren „emotioneller als jemals zuvor auf einen Text. Einige Kommentare enden in Tränen, andere auf Deutsch, weil die Fremdsprache nicht ausreicht.“

Die Psychologie dieses Moments ist aufschlussreich: Die emotionale Betroffenheit übersteigt die sprachlichen Mittel. Die Schüler müssen in die Muttersprache wechseln, weil das Fremdsprachliche nicht mehr die Distanz bieten kann, die es sonst ermöglicht. Die Literatur reißt eine Wunde auf, die sich nicht mehr durch sprachliches Rollenspiel schließen lässt.

Doch der Lehrer ist verwirrt. „Beides verwirrt ihn, weil es einerseits Betroffenheit zeigt, andererseits vom Lernziel abweicht.“ Hier zeigt sich eine tiefe pädagogische Verunsicherung. Was ist das Ziel des Literaturunterrichts? Die Sprachbeherrschung? Oder die emotionale Bildung? Die Erzählung gibt keine Antwort, aber sie stellt die Frage mit aller Dringlichkeit.

Die Relativität der Zeit und der Moral: „Schlachthof 5“ als philosophisches Prisma

Der literarische Höhepunkt des Curriculums – und zugleich der philosophische Kulminationspunkt der Erzählung – ist die Behandlung von Vonneguts Roman. Der Lehrer führt seine Schüler in das Gedankengebäude der Traffamadorianer ein, jener Außerirdischen, die die Zeit nicht als linearen Fluss, sondern als Kontinuum begreifen:

„Sie sehen das Leben als eine Dauer in der Geburt, Kindheit, Erwachsensein, Alter und Tod immer gleichzeitig präsent sind. So gesehen ist der Feuersturm von Dresden nur ein kleiner Funke in der langen Geschichte der Stadt, so gesehen sind die weit über hunderttausend Toten der Rache für das In-Schutt-und-Asche-Legen der Stadt Coventry nur weit über hunderttausend Momente im Laufe eines längeren oder kürzeren Kontinuums.“

Diese Perspektive ist philosophisch radikal. Sie stellt die gesamte abendländische Tradition der linearen Zeitauffassung in Frage, die von Aristoteles bis Heidegger reicht. Doch zugleich birgt sie eine moralische Gefahr: Wenn alles nur ein Kontinuum ist, wenn der Feuersturm von Dresden nur „ein kleiner Funke“ in der langen Geschichte der Stadt ist, wird dann nicht die ungeheure humanitäre Katastrophe relativiert? Die Erzählung zögert nicht, diese Frage aufzuwerfen: „darf man den Holocaust mit Sci-fi vermischen?“

Die Schüler jedenfalls reagieren nicht mit philosophischer Gelassenheit, sondern mit emotionaler Erschütterung. Die abstrakte Idee der Traffamadorianer prallt ab an der konkreten Betroffenheit. Das philosophische Gedankenspiel scheitert an der psychologischen Realität der Schüler – und vielleicht ist das eine wichtige Einsicht: Literatur mag philosophische Perspektiven eröffnen, aber sie kann die moralische Urteilskraft nicht einfach außer Kraft setzen.

Die unbeabsichtigten Konsequenzen des Lehrens: Von der Bildung zur Provokation

Die Erzählung findet ihren dramatischen Höhepunkt in einer unerwarteten Wendung: Die Abizeitung der Klasse, die von den literarischen Erfahrungen der letzten Jahre zeugt, wird wegen Pornographie angezeigt. Die Schüler, die den Lehrer so intensiv begleitet haben, deren kreative Schreibprozesse er befördert und deren literarische Bildung er gefördert hat, überschreiten eine Grenze.

Die entscheidende Frage, die sich nun stellt, ist: Hat der Lehrer diese Überschreitung ermöglicht – oder sogar provoziert? Der Text selbst gibt keine eindeutige Antwort, aber er lässt den Leser mit einer Reihe bohrender Fragen zurück:

„Wer hat hier welche Grenzen überschritten? Sind Clockwork Orange und Shakespeare stellenweise nicht auch sittenwidrig? Was werden die Abitexteschreiberinnen aussagen?“

Diese Fragen sind von existentieller Bedeutung für jeden Pädagogen. Die Erzählung zeigt, dass Bildung ein Risiko ist – ein Risiko, das sich nicht kontrollieren lässt. Der Lehrer hat seine Schüler zu kritischem Denken, zu kreativem Umgang mit Sprache, zu literarischer Sensibilität erzogen. Aber er kann nicht kontrollieren, wohin diese Erziehung führt. Die Abizeitung mit ihrem „zusammenhanglosen Comic“, der als pornografisch interpretiert wird, ist eine unbeabsichtigte Konsequenz – aber ist sie vielleicht auch eine Konsequenz, die in der Natur der Sache liegt?

Hier berührt die Erzählung eine tiefe philosophische Wahrheit: Bildung ist immer auch eine Entgrenzung. Wer Schüler zum selbständigen Denken erzieht, kann nicht garantieren, dass dieses Denken innerhalb gesellschaftlich akzeptierter Bahnen bleibt. Der Lehrer wird vorgeladen – und mit ihm wird die gesamte Institution zur Rechenschaft gezogen.

Schluss: Die offene Frage der Bildung

Die Erzählung endet mit einem Bild, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet: „Morgen wird er mehr wissen, in seinem Fach im Konferenzzimmer liegt eine Vorladung des Staatsanwalts.“ Diese letzte Zeile ist ein offener Schluss, der den Leser im Ungewissen zurücklässt. Was wird aus dem Lehrer? Was wird aus den Schülern? Was wird aus der Schule?

Und vor allem: Was ist aus dem pädagogischen Projekt geworden? Der Lehrer hat seine Schüler durch vier Jahre begleitet, hat ihnen Sprache beigebracht, Literatur nahegebracht, kreatives Denken ermöglicht. Er hat ihnen geholfen, „schön und gut“ zu schreiben – aber eben nicht unbedingt gut im moralischen Sinne.

Die Erzählung von Klaus A. Amann ist damit mehr als eine einfache Lehrer-Schüler-Geschichte. Sie ist eine Meditation über die Paradoxien des Bildungsprozesses. Sie zeigt, dass Bildung immer riskant ist, dass sie Grenzen überschreitet, dass sie unbeabsichtigte Konsequenzen zeitigt. Und sie wirft die Frage auf, ob es überhaupt möglich ist, „schön“ und „gut“ im selben Atemzug zu nennen, ohne dass die Begriffe in eine gefährliche Spannung geraten.

Vielleicht ist genau dies die letzte Einsicht der Erzählung: dass eine wirklich gelingende Bildung nicht beim korrekten Gebrauch der dritten Person und der richtigen Zeiten endet, sondern bei der unabweisbaren Frage nach dem, was wir uns unter „gut“ und „schön“ überhaupt vorstellen. Der Lehrer hat seine Schüler zuletzt vielleicht doch mehr gelehrt, als er selbst je beabsichtigte: dass es in der Kunst wie im Leben nicht nur um korrekte Formen geht, sondern um die Verantwortung, die aus jedem kreativen Akt erwächst.


Dieser Essay entstand anlässlich der Lesung von Klaus A. Amann im Literaturcafé am 19. September 2026.

Literatur:

Klaus A. Amman: Jeder Schritt zählt. Eine Erzählung und zehn Kurzgeschichten. Bibliothek der Provinz.