Über Krisenvorsorge, gesellschaftliches Misstrauen und die psychologische Kraft großer Untergangserzählungen. Hubert Rhomberg im Interview mit Lukas Riegler.
Es beginnt mit steigenden Mieten, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und einem Staat, der sich immer weiter zu verschulden scheint. Doch schon bald geht es um sehr viel mehr: um künstliche Intelligenz, die sich der Kontrolle des Menschen entziehen könnte, um digitale Systeme, die unsere Freiheit beschneiden, und schließlich um das Szenario eines umfassenden Systemausfalls, auf den man sich besser vorbereiten sollte.
Was auf den ersten Blick wie ein Gespräch über Wirtschaft und Technologie wirkt, handelt zwischen den Zeilen von einer viel grundlegenderen Frage: Wie gehen wir damit um, wenn die Welt, in der wir leben, zunehmend unüberschaubar erscheint?
Psychologisch betrachtet ist das Bedürfnis nach Kontrolle zutiefst menschlich. Wir wollen Zusammenhänge verstehen, Gefahren einschätzen und glauben können, dass unser Handeln einen Unterschied macht. Wo diese Gewissheit schwindet, wächst die Sehnsucht nach Erklärungen, die das Durcheinander ordnen – und nach Möglichkeiten, trotz aller Unsicherheit handlungsfähig zu bleiben.
Das macht Gespräche über Krisen so wertvoll. Sie können auf Entwicklungen aufmerksam machen, die wir lieber verdrängen würden. Sie können Fragen aufwerfen, für die es noch keine einfachen Antworten gibt. Und sie können uns dazu bringen, unsere eigenen Gewissheiten zu überprüfen. Gleichzeitig lohnt es sich, genau hinzuhören: Welche Aussagen beruhen auf konkreten Erfahrungen oder überprüfbaren Tatsachen? Wo beginnen Prognosen, Befürchtungen und gedankliche Szenarien? Und was verrät die Art, wie wir über die Zukunft sprechen, möglicherweise über unsere Gegenwart?
Der Wunsch, nicht ausgeliefert zu sein
Ein zentrales Motiv des Interviews ist die Eigenverantwortung. Der Einzelne soll möglichst unabhängig bleiben, für sein Handeln einstehen und sich nicht ausschließlich auf staatliche Institutionen verlassen. Freiheit bedeutet in diesem Verständnis nicht nur, möglichst wenig eingeschränkt zu werden. Sie bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu nutzen.
Darin steckt eine wichtige psychologische Ressource: das Erleben von Selbstwirksamkeit. Wer glaubt, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können, erlebt sich weniger hilflos gegenüber den Herausforderungen der Welt. Sich zu informieren, Fähigkeiten zu entwickeln, Rücklagen zu bilden oder sich auf mögliche Krisen vorzubereiten, kann helfen, diffuse Ängste in konkrete Schritte zu übersetzen.
Krisenvorsorge muss deshalb keineswegs Ausdruck übertriebener Angst sein. Sie kann vernünftig, umsichtig und befreiend wirken. Wer sich mit möglichen Risiken auseinandersetzt, gewinnt im besten Fall Sicherheit, ohne ständig an die Gefahr denken zu müssen.
Gleichzeitig stellt sich eine weiterführende Frage: Wie viel Eigenverantwortung können und sollen wir von Menschen erwarten? Nicht jeder verfügt über dieselben finanziellen, gesundheitlichen oder sozialen Möglichkeiten. Individuelle Vorsorge und gesellschaftliche Solidarität müssen einander deshalb nicht ausschließen. Vielleicht zeigt sich Verantwortung gerade darin, beides zusammenzudenken: Was kann ich selbst tun – und was können wir nur gemeinsam bewältigen?
Wenn viele Entwicklungen ein gemeinsames Bild ergeben
Im Interview kommen unterschiedliche Themen zur Sprache: wirtschaftliche Unsicherheit, staatliche Verschuldung, Bürokratie, künstliche Intelligenz, digitale Überwachung und die Möglichkeit, dass zentrale technische Systeme eines Tages ausfallen könnten. Auch Fragen nach politischer Mitbestimmung, gesellschaftlicher Vielfalt und dem Vertrauen in Institutionen spielen eine Rolle.
Diese Themen sind keineswegs belanglos. Sie berühren Entwicklungen, die unsere Lebensweise verändern können. Künstliche Intelligenz stellt Fragen nach Arbeit, Wohlstand und menschlicher Autonomie. Digitale Infrastrukturen schaffen neue Abhängigkeiten. Staatliche Macht braucht Grenzen und demokratische Gesellschaften müssen immer wieder darüber verhandeln, wie Freiheit und Sicherheit miteinander vereinbar sind.
Interessant ist, wie sich solche unterschiedlichen Fragen in einem Gespräch zu einem größeren Gesamtbild verbinden können. Aus einzelnen Risiken entsteht eine Erzählung darüber, wohin sich die Welt möglicherweise entwickelt – und darüber, wie man sich darauf einstellen sollte.
Solche Erzählungen erfüllen ein menschliches Bedürfnis. Wir suchen nach Zusammenhängen, besonders dann, wenn vieles gleichzeitig in Bewegung gerät. Eine Erklärung, die verschiedene Entwicklungen miteinander verbindet, kann Orientierung schaffen. Sie hilft uns, das Gefühl zu ordnen, dass etwas nicht mehr so funktioniert wie früher.
Doch gerade hier lohnt es sich, neugierig und zugleich kritisch zu bleiben. Nicht jede Entwicklung hat dieselbe Ursache. Nicht jedes Risiko führt zwangsläufig zum nächsten. Und nicht jede denkbare Zukunft ist deshalb auch wahrscheinlich.
Vielleicht ist eine der wichtigsten Fähigkeiten unserer Zeit, Zusammenhänge erkennen zu können, ohne vorschnell alles miteinander zu verbinden. Es geht darum, offen für ungewöhnliche Gedanken zu bleiben und dennoch zwischen einer belegbaren Entwicklung, einer begründeten Prognose und einer spekulativen Möglichkeit zu unterscheiden.
Das ist kein Widerspruch zur Offenheit. Es ist ihre Voraussetzung.
Über Ängste sprechen, ohne ihnen das letzte Wort zu überlassen
Besonders eindrücklich wird das Gespräch dort, wo ein weitreichender Ausfall technischer Systeme und seine möglichen Folgen thematisiert werden. Es geht um die Frage, wie abhängig wir von funktionierenden Infrastrukturen geworden sind, wie verletzlich unsere Versorgung sein könnte und welche Bedeutung Vorbereitung in einem solchen Szenario hätte. Auch die Vorstellung eines unterirdischen Rückzugsortes für eine begrenzte Gruppe von Menschen kommt zur Sprache.
Solche Bilder berühren etwas Grundsätzliches: die Angst, dass die vertraute Ordnung plötzlich nicht mehr trägt. Strom, Kommunikation, Versorgung, Mobilität und medizinische Hilfe sind für uns so selbstverständlich geworden, dass wir ihre Bedeutung oft erst dann bemerken, wenn sie fehlen.
Es ist sinnvoll, über diese Abhängigkeiten nachzudenken. Zugleich können drastische Szenarien eine starke Wirkung entfalten, gerade weil wir sie uns so gut vorstellen können. Ein bildhaftes Ereignis fühlt sich häufig näher und wahrscheinlicher an, als es aufgrund der verfügbaren Informationen tatsächlich ist.
Deshalb dürfen wir zwei Dinge gleichzeitig tun: eine mögliche Gefahr ernst nehmen und ihre Wahrscheinlichkeit kritisch prüfen. Wir können über Vorsorge nachdenken, ohne ein bestimmtes Katastrophenszenario bereits für wahrscheinlich oder unausweichlich zu halten.
Vielleicht liegt darin eine besondere Form von Souveränität: nicht wegzuschauen, aber auch nicht jede Sorge zur Gewissheit werden zu lassen.
Denn Vorsorge sollte uns im besten Fall mehr Freiheit schenken. Sie soll uns befähigen, im Ernstfall handlungsfähig zu sein – nicht dazu führen, dass wir uns schon heute so erleben, als stünden wir unmittelbar vor dem Zusammenbruch.
Vertrauen, Zweifel und die Freiheit des Denkens
Ein weiterer roter Faden ist das Misstrauen gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen. Die Sorge, digitale Identitäten, automatisierte Systeme oder neue Zahlungsmöglichkeiten könnten künftig zur Überwachung oder Einschränkung individueller Freiheit eingesetzt werden, berührt eine wichtige Frage: Wie schützen wir unsere Selbstbestimmung in einer zunehmend digitalisierten Welt?
Solche Fragen verdienen eine offene Diskussion. Technischer Fortschritt ist nicht automatisch gesellschaftlicher Fortschritt. Neue Möglichkeiten brauchen Regeln, transparente Entscheidungen und eine wirksame Kontrolle derjenigen, die Macht ausüben. Skepsis kann dabei eine wichtige demokratische Funktion erfüllen.
Gleichzeitig ist Misstrauen selbst kein Garant für unabhängiges Denken. Auch eine skeptische Haltung braucht Kriterien, an denen sich Aussagen prüfen lassen. Wer Institutionen grundsätzlich misstraut, kann am Ende ebenso abhängig von einer bestimmten Deutung werden wie jemand, der ihnen uneingeschränkt vertraut.
Vielleicht müssen wir deshalb lernen, Vertrauen differenzierter zu verstehen. Vertrauen heißt nicht, auf Fragen zu verzichten. Misstrauen heißt nicht automatisch, hinter jeder Entwicklung eine verborgene Absicht zu vermuten. Zwischen beidem liegt die Möglichkeit, Behauptungen zu prüfen, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und die eigene Einschätzung bei neuen Erkenntnissen zu verändern.
Eine Gesellschaft braucht Menschen, die unbequeme Fragen stellen. Sie braucht aber ebenso Menschen, die bereit sind, auf Antworten zu hören, die nicht in ihr bisheriges Weltbild passen.
Der Mut, eine eigene Sicht öffentlich zu machen
Es ist nicht selbstverständlich, die eigenen Überzeugungen in einem Interview öffentlich auszusprechen. Wer sich zu wirtschaftlichen, politischen oder gesellschaftlichen Fragen positioniert, macht sich angreifbar. Je stärker die Themen polarisieren, desto größer ist die Gefahr, dass nicht mehr über einzelne Gedanken diskutiert wird, sondern über den Menschen, der sie äußert.
Deshalb verdient es zunächst einmal Anerkennung, wenn jemand bereit ist, sich mit seiner Sicht der Dinge zu zeigen und sich einer öffentlichen Auseinandersetzung zu stellen. Dazu gehört auch, Gedanken auszusprechen, die nicht überall auf Zustimmung stoßen werden.
Diese Anerkennung bedeutet nicht, jeder Aussage zustimmen zu müssen. Im Gegenteil: Eine ernsthafte Auseinandersetzung beginnt dort, wo wir einander zutrauen, Fragen und Widerspruch auszuhalten. Wer eine Position öffentlich vertritt, muss damit rechnen, dass sie geprüft und kritisiert wird. Aber Kritik sollte sich möglichst auf die Aussagen, ihre Begründungen und ihre Folgen richten – nicht auf eine Bewertung der Person.
Vielleicht könnten wir gerade bei kontroversen Themen wieder mehr zwischen dem Menschen und seiner Meinung unterscheiden. Wir können einen Gedanken für problematisch, unzureichend belegt oder nicht überzeugend halten und dennoch anerkennen, dass dahinter ein ernsthaftes Anliegen stehen kann: die Sorge um Freiheit, die Angst vor Kontrollverlust, der Wunsch nach Verantwortung oder das Bedürfnis, Entwicklungen nicht einfach hinzunehmen.
Und wir können uns fragen, ob wir selbst den Mut hätten, unsere Überzeugungen öffentlich zu vertreten – im Wissen, dass andere sie kritisch betrachten werden.
Ein Interview muss nicht die letzte Antwort liefern. Es kann auch ein Angebot sein, miteinander ins Gespräch zu kommen. Gerade dann, wenn wir anderer Meinung sind, wird es interessant: Welche Erfahrungen führen Menschen zu ihren Überzeugungen? Welche Werte stehen dahinter? Und an welcher Stelle unterscheiden sich nicht nur unsere Antworten, sondern schon unsere Annahmen darüber, wie die Welt funktioniert?
Was wir zwischen den Zeilen lesen können
Vielleicht erzählt dieses Gespräch nicht nur von Wirtschaft, Technologie und Politik. Vielleicht erzählt es auch von einem menschlichen Grundkonflikt: Wir wollen frei sein, aber nicht schutzlos. Wir möchten selbst entscheiden, aber nicht von Entwicklungen überrollt werden, die wir kaum verstehen. Wir wünschen uns Sicherheit, obwohl wir wissen, dass sie niemals vollständig zu haben ist.
Große Krisenerzählungen können helfen, diese Spannung auszuhalten. Sie geben Unsicherheit einen Namen, ordnen verstreute Gefahren zu einem Gesamtbild und vermitteln das Gefühl, durch Wissen, Unabhängigkeit und Vorbereitung wieder handlungsfähiger zu werden. Ihre Anziehungskraft liegt nicht allein in der Angst, die sie auslösen. Sie liegt auch in der Hoffnung, der Angst nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
Dabei kann eine Erzählung zugleich erhellen und den Blick verengen. Sie kann auf reale Probleme aufmerksam machen und Entwicklungen stärker miteinander verknüpfen, als es die Fakten rechtfertigen. Sie kann zu sinnvoller Vorsorge anregen und zugleich die Erwartung nähren, eine Katastrophe stehe unmittelbar bevor.
Es lohnt sich deshalb, weder vorschnell abzuwinken noch jede Warnung ungeprüft zu übernehmen. Wir dürfen ungewöhnliche Gedanken zulassen, ohne sie deshalb für wahr halten zu müssen. Wir dürfen skeptisch sein, ohne uns in pauschalem Misstrauen einzurichten. Und wir dürfen Verantwortung für uns selbst übernehmen, ohne zu vergessen, dass wir aufeinander angewiesen sind.
Vielleicht besteht die eigentliche Stärke nicht darin, die Zukunft möglichst genau vorherzusagen. Vielleicht besteht sie darin, mit unterschiedlichen möglichen Zukünften umgehen zu können – informiert, handlungsfähig und offen für neue Erkenntnisse.
Einladung zum Weiterdenken
Meine Überlegungen zu diesem Interview sollen kein Anlass sein, abschließend über richtig oder falsch zu urteilen, als vielmehr eine Einladung, die eigenen Vorstellungen von Freiheit, Sicherheit und gesellschaftlicher Verantwortung zu überprüfen.
Die folgenden Fragen können dabei helfen:
- Was gibt mir Sicherheit? Sind es Vertrauen in andere Menschen und Institutionen, eigene Fähigkeiten, materielle Vorsorge – oder vor allem das Gefühl, die Zukunft möglichst genau einschätzen zu können?
- Wann ist Vorsorge hilfreich? Woran merke ich, dass sie meine Handlungsmöglichkeiten erweitert, und wann beginnt sie, meine Aufmerksamkeit und meinen Alltag von Angst bestimmen zu lassen?
- Wie gehe ich mit Unsicherheit um? Kann ich eine Möglichkeit ernst nehmen, ohne sie gleich für wahrscheinlich zu halten?
- Wie viel Misstrauen ist gesund? Wo schützt Skepsis meine Freiheit, und wo könnte sie mich für andere Erklärungen oder neue Erkenntnisse unzugänglich machen?
- Was bedeutet Eigenverantwortung für mich? Wo kann ich selbst etwas verändern, und wo braucht es gemeinsame Lösungen und gesellschaftliche Solidarität?
- Wie begegne ich Menschen, die anders denken als ich? Versuche ich zunächst zu verstehen, welche Erfahrungen und Werte hinter ihrer Haltung stehen, oder suche ich vor allem nach Argumenten, um sie zu widerlegen?
- Kann ich meine eigene Meinung infrage stellen? Welche Erkenntnis oder welches Argument könnte mich dazu bringen, meine Sicht zu verändern?
Vielleicht ist es besonders spannend, diese Fragen nicht nur für sich allein zu beantworten, sondern sie in einer Runde zu diskutieren – mit Freunden, in der Familie, mit Kolleginnen und Kollegen oder mit Menschen, die eine andere Sicht auf die Welt haben.
Dabei muss niemand am Ende dieselbe Meinung vertreten. Es reicht, wenn wir einander aufmerksam zuhören, nachfragen und versuchen, die Gedanken hinter den Positionen zu verstehen. Manchmal entsteht gerade dort Erkenntnis, wo kein Konsens zustande kommt.
Denn zwischen den Zeilen zu lesen, bedeutet nicht, für andere zu entscheiden, was sie eigentlich sagen wollten. Es bedeutet, neugierig zu werden – auf die Ängste und Hoffnungen hinter Worten, auf die eigenen blinden Flecken und auf die Möglichkeit, dass wir gemeinsam mehr verstehen können, als jeder für sich allein.
